Begegnungen an der Strasse des Lebens
Von Clara Luisa Demar
Oda Schaefer
Ich bin das Kind und auch der alte Mensch,
Der bald den Stock wird brauchen,
Im Alter Dreibein, wie die Sphinx das Rätsel nannte…
Aus „Das alles bin ich heute“
Ich lernte Oda Schaefer und Horst Lange kennen, weil mein Vater, als er im Bahnhof Zürich auf einen Zug wartete, ein Buch kaufte, auf dem ein Pferd zu sehen war. Mein Vater liebte Pferde.
Das Buch war „Ulanenpatrouille“ von Horst Lange. Mein Vater schrieb Horst Lange einen Brief. Eine freundschaftliche Verbindung entstand. Als ich in München studierte, nahmen die Langes sich meiner an. Oda Schaefer förderte mich als Pianistin. Sie hatte selbst in der Jugend Pianistin werden wollen.
HABENT SUA FATA LIBELLI, sagten die Römer, Bücher haben ihre Schicksale…
Ich war ein künstlerisch hochbegabtes Kind gewesen. Unverständige Menschen, die meinten, mich lehren zu müssen, hatten die verletzbare Puppe, in der der noch unfertige Schmetterling sich entwickelte, durch ihre groben Eingriffe zerstört.
Das Schicksal vieler „Wunderkinder“…
In dieser Situation meines Lebens begegnete ich Oda Schaefer.
ICH
Ich war getrennt von mir, mein Ich, mein Selbst, der Kern,
Vergiftet von dem Apfel unverständ`ger Menschen,
lag in dem Sarg aus Glas.
Und es vermochte nicht, die Hand zu heben,
zu sprechen, schreien, atmend neu zu leben.
Schier hatte ich mein wahres Ich vergessen.
Ein Kunst-Ich war entstanden auf den Trümmern.
Es täuschte einige, es hat auch Dich getäuscht,
verehrte grosse Dichterin, die ich damals gar nicht erkannte.
Das Kunst-Ich, hübsch und schillernd in den Farben.
Des hellen Tags, den leidend ich erlitt,
es war ganz leer und tot, die Brust ein Vakuum,
es fühlte nicht, nicht mehr.
Der Schmerz hat es getötet.
Ich war es einst wohl, dieses Ich,
das schaffend schöpfte aus dem Vollen,
das weise war und alles wusste, schon mit vierzehn Jahr.
Dies Ich, es war zerbrochen in das Glas der Welt,
die hell und unverstehbar schien und doch mich zwang, zu leben.
Warum habe ich es Dir nicht gesagt, grosse Dichterin, die als wahre Freundin an meines Lebens staubbedeckter Strasse stand? Du wusstest viel, Du hättest mich verstanden. Vielleicht hättest Du mich geheilt, mir den Weg gezeigt. Ich fürchtete wohl, Du könntest mich verachten, des Risses wegen, der durch mich hindurchging.
Stattdessen spielt` das Kunst-Ich weiter seine Rolle -
bis es erschöpft zusammen brach…
Die Jahre hatten sich mühevoll dahingeschleppt. Meine Schöpferkraft schien tot.
Es schien unmöglich, dass da, im verschütteten Bergwerk der Seelentiefe noch Leben hätte sein können. Ich schien das Schicksal vieler Wunderkinder zu bestätigen. Ich tat meine Arbeit, irgendeine Arbeit, ohne innere Begeisterung – wie so viele es eben tun müssen.
Dann, am Beginn der 1970er Jahre, erwachte ich aufs Neue.
Ob dies nun der Strom der Zeit war, die unvergleichliche geistige Luft, in der nach dem Willen der Jugend eine neue Welt entstehen sollte, oder ob es für mich einfach an der Zeit war, zu erwachen, ich weiß es nicht.
Bis dann die Qual des Ich
Sich löste fast in Tränen
Der Stein dem Tropfen unterlag
Und dunkel gross erhob sich
Das DU
Gebot des Gottes
Dem ich diene selbstvergessen.
Aus „Das alles bin ich heute“
Das DU
Erwacht aufs Neue, einem Wunder gleich,
war ich aus meinem Todesschlaf erstanden.
Es war die Zeit gekommen, wo das Ich
die Augen aufschlug und erkannte, ich bin da.
Die Sonne schien wohl alle Tage,
in dieser Welt, wo Hoffnung blühte.
Die Freundschaft hielt, ein ewiges Versprechen,
auch über Zwist und Missverstehn hinweg.
Wir schufen Kunst, erreichten Menschenherzen.
Gross aber stand im Raum das DU.
Wir halfen jedem, bis die Kraft erschöpfte,
In unsres Gottes Herz, da lebten wir.
Und wieder standest Du, verehrte, grosse Dichterin,
an meines Lebens staubbedeckter Strasse,
das Land war grün, der Atem wehte
frei im frischen Frühlingstag dahin.
Und langsam nun begann ich Dich zu sehen,
ein Ahnen wachte in mir auf.
Du warst alleine jetzt.
Dem Tod hatt`st Du gegeben
den Gefährten,
der dichterische Doppelstern, er war getrennt,
um sich zu suchen in des Universums Fernen.
Das Buch vom Traum und von den Uhren,
die unaufhaltsam gehn,
das schriebst Du jetzt,
vertrautest Deines Lebens Spuren,
das Leid, die Hoffnung, seinen Seiten an.
Verlassen musstest Du, was lieb Dir war,
von Anfang an,
im Irrsinn, der die Welt regiert,
Wo eines Kaisers Wort zum Krieg die Völker führte,
das Wort, das Millionen umgebracht,
und es doch gar nicht hätte müssen sein.
Du aber gingst nicht unter, standest aufrecht da,
und kämpftest mutig gegen Wahnsinn,
in zwei Kriegen.
In Schwachheit, oft dem Tode nah,
bekanntest Du Dich immer wieder neu zum Leben.
Nach all dem nun vermochtst Du noch zu geben,
nach all dem Leid, das Du erfahren, tatst Dus doch.
Vor allen Dingen wollt ich Dir nun helfen,
Dich stützen, trösten, ohne wirklich zu verstehn.
Freundlich umgeben wollt ich Dich mit Liebe,
Mit Treue, Dasein, Freundschaft ewiglich…
Doch wieder ging ein Riss durch meine Seele.
Wie Ascheregen fiel das Grau herab,
verhüllte alles, was das Leben neu gegeben.
Das Schicksal mischt den Becher bitter auf.
Mein Ich versank nicht mehr.
Zu stark war es geworden auf der Leidensbahn.
Ich ging den Weg als ungebrochen schaffend.
Als Künstlerin, vom Schöpfergeist beschenkt,
doch meine Seele war unendlich trübe,
die Fenster nach der Aussenwelt
vom Tränenregen dicht verhängt.
Mein Herz wurde zu Stein.
Und auch von Dir, verehrte Dichterin, trennte mich des Lebens Sturm aufs Neue. Ich blicke heute zurück. Weiss Gott, was ich dafür gäbe, es wäre nicht so geschehen.
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Die alte Ordnung ist in Europa zurückgekehrt. Es ist, wie es ehemals war. Zwei Weltkriege waren, unsinnig und unnötig.
Oda Schaefer starb 1988. Sie hat es nicht mehr erlebt, dass Europa wieder zu sich fand.
Neulich suchte ich im Internet – einem Impuls folgend – nach Büchern der Dichterin…. (weiter in Teil 2)









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