Begegnungen an der Strasse des Lebens (2)
Von Clara Luisa Demar
Neulich suchte ich im Internet – einem Impuls folgend – nach Büchern der Dichterin.
Da stürzte sich die Flut des Poll-Films mir entgegen. Der Großneffe, Chris Kraus, hatte einen Film gemacht, der sich sehr lose an Oda Schaefers Erinnerungen „Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ anlehnt.
Es war für mich Anlass genug, das echte Werk erneut zur Hand zu nehmen. Und es war mir, als ob ich es nie gelesen hätte. Nun endlich, nachdem auch ich eine weite Lebensstrecke durchwandert hatte, begann ich wirklich zu verstehen.
„Launisch bewahrt die Erinnerung Eindrücke und Bilder auf… Auf dem Meeresboden der Vergangenheit ruhen sie, wie eingesargt in den Schatullen versunkener Schiffe. Man muss sie heben, um die Einheit des Lebens herzustellen, dem Bogen folgend von Anfang an… „
Aus „Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“
Ich strecke meine Hand aus nach der Deinen,
verehrte Dichterin,
sie greift in Leere.
Ich kann Dich nicht mehr sehen, hören, zu Dir gehen.
Doch neu erstehst Du vor mir, in mir,
beginnst zu leben in dem Buch, das Du gesehn.
Die frühen losen Bilder Deiner Kindheit,
der Schokoladentambour,
Blühende Allen, das alte Königsberg, das Meer im Tiefblau,
gekrönt von weisser Wellenkämme Schaum…
Die schweren Träume die Dich abwärts zogen,
in diesen unentfliehbar schwarzen Grund,
den Du bei Tag schon fürchtetest,
sie waren Ahnung wohl der Seele,
die das Entsetzen kommen fühlte,
das über unsren Ländern dann geschehn.
1914
Am Rand des Krieges, mit dem alles Elend anfing,
fuhrst Du mit deiner Mutter noch zurück,
dahin, wo die Familie hergekommen,
ins Baltikum, das darauf war verloren,
und keine Strasse führte mehr zurück.
Und da fandst Du den Schatz, der Dich begleitete,
ein Leben lang, und oft Dich rettete,
wenn Deine Kraft erlahmt.
Ein Garten war es, Traum und Dasein.
Dass er gewesen, wirklich, möglich, echt,
dass auf der Erde Friede und Vollendung
Dir war geschenkt für kurze Zeit,
es gab Dir Kraft.
Die Blühten alle, rosa, weiss, orange und wenig Blau,
erschienen Dir lebendge Wesen,
sie waren Freunde Dir, sie blieben es,
wann immer du sie hast geschaut im Traum.
„Das Beschwören des vergangenen Bildes gleicht einem alten Zauber. Immer von neuem hat es das Feuer in mir angefacht zu Selbstbehauptung, Entflammtheit und Liebe.“
Aus „Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“
Die Jahre dann,
im Berlin der Kriege, vor dem Ende,
Begeistrung, Hunger, Hoffnung, Furcht und Wahn,
wo unvorstellbar Grauen sich entfaltete,
dem niemand Einhalt hat getan.
Ich habe keinen Krieg erlebt und nie Hunger gelitten. Ich beginne Dankbarkeit zu empfinden, dass ich mein Leben lang verschont geblieben bin.
Inmitten dieser Wirren fandest Du ein Glück,
das selten ist auf dieser Erde.
Du fandest den Gefährten,
den Dichterdoppelstern, der Dich ergänzte,
und Euer steinger Weg,
er war gepflastert auch mit Steinen des Verstehns,
und diese Strasse gingt Ihr Hand in Hand,
da Eures Gottes Gabe Euch verband.
„ …Aus allen tiefen Schatten trat
Das tote Leben neu hervor,
Es säte unsichtbar als Saat
Die Unschuld, die es einst verlor… „
Aus „Liebespaar 1945“
Ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben keinen Menschen getroffen, der mich wirklich verstanden hätte. Ein verstehendes Doppelgestirn zu finden ist ein Glück, so selten, wie die Goldader im schwarzen Gestein des Berges. Die Lebenswege der Menschen führen rätselhaft durch die Landschaft des Daseins. Sie lassen sich nicht biegen von unseren Wünschen.
Die hohe Zeit der Kämpfe war zerfallen,
Friede begann nun überall.
Es ging den Menschen gut, sie hatten alles,
und wussten bald nicht mehr wozu.
Noch einmal, am Beginn der 70er Jahre,
flammte der Wille auf zu neuem Sein,
doch seither ist es einfach reichlich trübe,
man weiss nicht recht,
wozu das alles sollte sein.
In dieser Zeit nun lebtest Du
und halfest denen, die sinnentleert
die Lebensstrasse ziehn, Sinn finden,
schwer und mühsam,
und suchtest selber nach dem Sinn.
Den Sinn fandst Du im Andern, im leidenden Nächsten, im DU.
„Wer hat Mut den Aussatz zu heilen,
Die Schwären des Bettlers zu küssen,
Oder die Narben des Mannes
Den die Panzerfaust ins Gesicht schlug
Wer hat Mut bei den Finstren zu bleiben
Die jedermann meidet
Wenn die Goldnen dort oben, hoch oben
Anlocken die Schwärme der Schwachen
Wer hat Mut zur beständigen Liebe!“
Aus „Gegen die Dunkelheit der Welt“
Ich kann Dir da nicht folgen. Einst war auch ich so, entflammt. Grau und leer scheint mein Herz heute. Es ist schwer, in einer Zeit, die den Materialismus ad Absurdum geführt und zum Gott erklärt hat, die Kraft der dienenden Liebe in sich zu entfachen. Wem sollte sie dienen?
Ich begreife aber nach all dem, was ich heute von Dir erfahre, dass es der einzige Sinn sein kann. Ich werde mich bemühen, und wenn ich der letzte Mensch sein sollte, auf dieser Erde, der so denkt. Es ist noch nicht zu spät. Damals, am Ende der grossen 70er Jahre, wurde mein Herz zu Stein. Ist es wirklich zu Stein geworden, oder ist es nur einbetoniert?
Ich horche in die Tiefe, und ich meine, es ganz leise und schwach klopfen zu hören, wenn ich an Deine Hilfsbereitschaft, Güte und Freundschaft denke.
Dass Du mich ermutigt hast zu meiner Kunst, gibt mir Sinn.









Pingback: Clara Luisa Demar – eine Ode für Oda (Tei 1) | Literatwo Binea & Mr. Rail
Außergewöhnlich: Ein intensives, sehr persönliches Zwiegespräch mit Tiefgang – ich habe mich an die Hand genommen und geleitet gefühlt zu zwei Menschen, die ich (in einem Fall kann ich sagen: bisher) nie persönlich kennengelernt habe, die mir aber durch die Zeilen von Clara Luisa Demar sehr nahe gebracht worden sind.
Ich bewundere Claras Gabe, mit ihren Worten einen Spiegel aufzustellen und darin Oda und sich selbst vereint zu zeigen. Die Trennung durch die Zeit wird damit aufgehoben. Das hat mich besonders berührt.
Die Fülle der lyrischen Gedanken und die darin verborgenen Informationen sind groß, ich werde in den nächsten Tagen immer wiederkommen und die zwei Teile der Ode erneut lesen. Ich weiß genau: dabei wird sich mir stets Neues offenbaren, und ich freue mich darauf.
Danke, Clara – ich empfinde deine Worte als ein Geschenk.
Liebe Grüße,
Anke
Liebe Anke
Ganz herzlichen Dank für Ihre Worte, die mich sehr ehren, da sie aus so berufenem Mund kommen.
ich muss zugeben, dass mir das Ganze erst so richtig durch die meisterhafte Darstellung auf Literatwo zum Bewusstsein kam.
Ich meine, damit sogar eine ganz neue Erfahrung gemacht zu haben.
Alles, was wir tun und erleben, auch die unglaublichsten Torheiten und “Umwege”, arbeiten an uns und “reifen” uns immer weiter unserem Wesenskern zu. Da können viele Jahre zwischen solchen Erfahrungen liegen. In der Seelentiefe arbeiten die Erfahrungen weiter und eines Tages kommen sie zum Bewusstsein, und wir begreifen, wie sie uns geformt haben
Dass Sie in meinem Text eine Fülle von lyrischen Gedanken und darin verborgenen Informationen sehen, freut mich. Es war mir so nicht bewusst. Das viele Lesen von Oda Schaefers Lyrik und Prosa hat mich da wohl ohne mein Wissen geformt.
Vielleicht lernen wir uns ja einmal persönlich kennen. Das würde mich sehr freuen.
Mit herzlichen Grüssen
Luisa (das ist eigentlich mein Rufname)
Liebe Luisa,
der Rahmen, den Binea und Mr.Rail für die Erinnerungen an Oda Schaefer geschaffen haben, ist in der Tat nicht nur beeindruckend, sondern ich empfinde die vielen Fotocollagen und gesammelten Texte auch als einen wunderbar nostaligischen Spaziergang in der lyrischen Gedankenwelt Odas. Dass Sie, die Sie Oda persönlich kannten, sich dadurch in ganz besonderer Weise angeregt fühlen, kann ich bestens nachvollziehen.
Die Perlen und anderen Kleinode, die hier vorgestellt werden, regen stark zu einer Auseinandersetzung mit der Lyrik Oda Schaefers an, sie machen Lust auf viel mehr.
Ihren Worten merkt man die Hingabe an, mit der Sie in diese Lyrik eingetaucht sind – und wie sie Sie tatsächlich beeinflusst und, wie Sie es ausdrücken, geformt hat. Ihre Beiträge bringen bei mir viele Saiten zum Klingen. Auch ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns vielleicht wirklich einmal persönlich kennenlernen, ich bin überzeugt, wir hätten einiges auszutauschen!
Mit lieben Grüßen,
Anke
Es ist ein Genuss euren Worten zu folgen.
Ein Oda Schäfer Treffen klingt sehr gut…sehr!
Ein Oda Schaefer- Treffen, eine tolle Idee!
Da hätten wir dann wohl Gelegenheit, Odas Werke und vor allem auch ihr Leben und ihre Gedanken weiter fruchtbar zu machen, denn ich meine ja, dass es die Aufgabe der Kunst ist, den Funken in den Menschen zu wecken.
Clara Luisa Demar
Pingback: Oda Schaefer – Ein Blick zurück und der Weg ans Licht… | Literatwo Binea & Mr. Rail