Retrum – Redrum – Murder

Skepsis, große Skepsis machte sich in mir breit, als ich das Buch in die Hand nahm. Vor wenigen Tagen berichteten wir über „Saeculum” von Ursula Poznanski. „Retrum“, „Saeculum“.

Beide Bücher im ähnlichen Stil gestaltet, schwarze Seitenränder, Retrostyle. Um beide Bücher geht es, wenn man den Klappentext liest, um ein Spiel, was kein Spiel bleibt, sondern gefährlich wird, wenn nicht sogar tödlich endet. Saeculum, Retrum. Und doch habe ich nach einigen Überlegungen den Griff zum Buch gewagt, gab es schließlich doch auch ein großes Argument gegen meine Skepsis, denn der Verlag wird sicher keine Bücher mit ähnlichem Inhalt fast gleichzeitig veröffentlichen.

Also ganz langsam hinein, sagte ich mir, und das ging sehr gut, denn hinein begann schon auf dem Cover. Dort ist ein Barcode abgebildet, der den direkten Link zum Buchsong enthält. Also Musik an und einfach mal im Buch blättern. In fünf Teile ist das Buch gegliedert, jeder Teil mit einer gediegenen, mystischen Karikatur versehen und jeweils sehr vielen Kapiteln. Kurze Kapitel, wobei jedes liebevoll mit einem Zitat eingeleitet wird und einige Kreuzabbildungen etwas längere Kapitel teilen. Die schwarzen Seitenränder laufen ins Buch hinein, optisch passend auch das matte, leicht vergilbt wirkende Papier. Optisch und haptisch überzeugend.

Ein selbst verschuldeter Motorradunfall trennt Christian von seinem Bruder. Eigentlich sollte die kurze, verbotene Ausfahrt Spaß bringen, leider bracht sie den Tod für seinen Zwilling Julian. Ein tragisches Ereignis, ein tiefer Einschnitt im Leben der Familie. Christian verschließt sich, zieht sich in seine Gedankenwelt zurück, seine Mutter zieht für eine Weile zu ihrer Schwester in die USA und sein Vater tröstet sich mit Fernsehen und der Arbeit.

Seit dem Tod von Julian zieht es Christian immer mehr in die Einsamkeit, er beginnt sich für die schwarze Romantik und Jenseitsfantasien gequälter Seelen zu interessieren. Er sondert sich ab und genießt die Zeit in der Ruhe, er fühlt sich selbst wie eine dieser Seelen, denn so wie sie lebt auch er – einen Fuß in der diesseitigen und den Kopf in der jenseitigen Welt.

Besonders auf Friedhöfen beginnt er sich wohl zu fühlen. Sein letztes Erlebnis auf dem Friedhof bekommt er nicht aus seinen Gedanken. Er hört eine Stimme, die ein Lied summt, doch er sieht niemanden. Einzig ein eleganter schwarzer Handschuh liegt im Schnee, den er an sich nimmt.

Der Friedhof zieht ihn immer wieder an und er begegnet im Dunkeln Alexia, Lorena und Robert, der Clique mit den blassen Gesichtern und den lila geschminkten Mündern. Er schließt sich ihnen an und stellt sich der Mutprobe auf einem Grab zu übernachten, um genauso zu werden wie sie. Anders, sonderbar, mystisch und geheimnisvoll. Während er sich verändert, beginnt sich Alba, eine Klassenkameradin in ihn zu verlieben und sucht seine Nähe. Christian mag Alba und freundet sich mit ihr an. Seine Gefühle allerdings gehören aber einem anderen Mädchen.

Alexia. Sie hat ein ähnliches Unglück wie er erlebt, auch sie hat ihren Zwilling verloren. Er beginnt immer mehr in der Nacht zu leben und den Tag zur Nacht zu machen, wenn nur die Schulzeit nicht wäre. Retrum heißt seine neue Beschäftigung in der er lebt.

Retrum – der Orden der Blassen. Er und seine Gruppe suchen auf den Friedhöfen nach Verstorbenen, die im Leben außergewöhnliche Menschen waren. Wenn sie einen solchen gefunden haben, schreiben sie eine Frage auf ein Stück Papier und befestigen es mit der Stecknadel unter der Blume an ihrer Kleidung. Derjenige, der die Frage gestellt hat, muss eine ganze Nacht auf dem Grab desjenigen verbringen, der sie beantworten soll. Christian kapselt sich immer mehr ab, sein Vater sorgt sich um ihn, doch er hat gefunden was er suchte. Alba möchte wissen, was er nachts macht und gesteht ihm wieder und wieder ihre Liebe. Dennoch gibt sie ihm seinen Freiraum, auch als er ihr sagt, er werde mit seinen Retrumfreunden verreisen.

Eine Reise von Friedhof zu Friedhof beginnt und endet für eines der Retrummitglieder auf dem Friedhof in Highgate tödlich. Ein Schock, der alle unter ihnen in die nüchterne Realität zurückholt. Doch der Tod verfolgt vor allem Christian und sein Leben bekommt einen weiteren drastischen Einschnitt.

Retrum – Redrum – Murder

Der Autor Francesc Miralles hat mich überzeugt, ohne Einschränkungen. Ich konnte mich ab der ersten Seite im Buch fallen lassen, stand unter Spannung, die sich ständig steigerte und das Ende war nicht vorhersehbar. Jegliches Spekulieren wurde zunichte gemacht und ich war einfach überrascht. Das Buch wird kein Einzelband bleiben, es wird eine Fortsetzung geben.

„Retrum“ allerdings ist ein in sich abgeschlossener Roman mit einem offenen Ende zwar, aber nicht so ein offenes Ende, was eine Fortsetzung unbedingt braucht. Ein mehr als gelungener Gothic-Thriller, der mit seiner Düsterkeit besticht. Die kurzen Kapitel sind ein wahrlich guter Schachzug des Autors, denn als Leser kann man nicht nein sagen, noch eins und noch eins zu lesen, ein aus der Hand legen ist schier unmöglich. Durch die im Kopf erzeugten Bilder von Friedhöfen und deren Geräusche in der Nacht, bleibt ein Gänsehautgefühl nicht aus. Der Spielort Friedhof birgt einen Mix aus Gefühlen und Faszination und die mysteriöse Szene der Dunklen gibt ihr Übriges dazu.

Die geringe Anzahl an Charakteren im Buch ist sehr gut, dadurch sind deren Eigenschaften kräftiger untermalt und durch die Ich-Erzählperspektive wird man selbst ein Mitglied der Gruppe Retrum und ist nach dem Lesen blass, nur der Mund ist lila.

Keine Skepsis – Retrum lesen!

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Binea - Rezensionen, Teamwork

3 Antworten zu Retrum – Redrum – Murder

  1. Sehr schöner Bericht :-)
    Die Farben sind einfach genial, gefällt mir super gut.
    Aber auch die Geschichte finde ich klasse, obwohl da die Meinungen ja schon wieder kräftig auseinandergehen.
    Liebe Grüße
    MacBaylie

    • Die Meinungen können und sollen ja auch auseinander gehen – für mich persönlich war das Buch am Anfang ganz unten auf dem Bücherstapel und rückte dann doch ganz schnell nach oben, einfach weil meine Skepsis so groß war – die Neugier siegte, denn ich wollt wissen, ob es wirklich so große Ähnlichkeit mit Saeculum hat und bin froh, es gelesen zu haben – einfach grandios – ich mag es total und freue mich auf den zweiten Band.

  2. Pingback: Literatwoischer Buchrückblick… | Literatwo Binea & Mr. Rail

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