Rot, dunkel, geheimnisvoll – Blutsverdacht, ein Thriller. Genau das Richtige, denn ich wollte durch die Seiten fliegen, wie die Landschaft hinter meinem Zugfenster. Die 14-jährige Ruth half mir sehr dabei, denn schnell war ich bei ihr und ihrer Freundin Deborah.
Mittwoch, 6. Mai 2009
Beide Mädchen langweilen sich und Deborah fragt Ruth, ob sie ein Foto ihrer Mutter hat. Ruth zeigt ihr eins, auf dem ihre Mutter Marie-Eve und ihre Tante Eve-Marie zu sehen sind. Jung, hübsch, ungefähr im gleichen Alter wie die beiden Mädchen, zudem Zwillinge.
Vor vier Jahren ist Ruths Mutter gestorben. Ein Aneurysma im Kopf, hat ihr Leben auf tragische Art und Weise beendet, direkt nach einem Restaurantbesuch mit ihrem Mann und Ruths Vater Martin, angesehener Arzt. Auch ihre Tante ist tot, sie wurde ermordet. Ihr Vater hat in seinem Schlafzimmer noch mehr Fotos von ihrer Mutter versteckt, da er diese Bilder nicht gern zeigt und für sich hütet wie einen Schatz. Ein Klassenfoto erregt die Aufmerksamkeit beider Mädchen, denn auf diesem hält Ruths Vater nicht die Hand von Marie-Eve, sondern von Eve-Marie.
GDADW? Glaubst du an den Weihnachtsmann? fragte Ruth Deborah einige Tage später, als diese wissen möchte, ob schon jemand geantwortet hat. Deborah hatte die Idee, das Foto auf der Seite aus-den-Augen-verloren.com online zu stellen. Zudem haben sie Ruths Vater Martin und die beiden Zwillinge Marie-Eve und Eve-Marie markiert. „Wenn sie sich auf dem Foto wiedererkannt haben, schreiben sie an Martin Cassel“ – so der Text zum Bild. Beide Mädchen erhofften sich dadurch, die Antwort auf ihre Frage, wer von den beiden Zwillingen nun Ruths Mutter ist, ganz schnell zu bekommen. Antworten lassen nicht lange auf sich warten und erschüttern beide Mädchen. Zudem haben sie aber noch eine seltsame Gemeinsamkeit zwischen Eve-Marie und dem Kindermädchen Lou, welches Ruths Schwester Bathseba betreut, festgestellt. Belhomme lautet Lous Nachname. Der gleiche Nachname wie Eve-Maries Mörder.
Ein einziger Klick kann vieles verändern und eine Wahrheit ans Licht bringen, die ewig in der Dunkelheit schlummern sollte.
Blutsverdacht – ich habe mir Schnelligkeit versprochen, einen mitreißenden Thriller, der mich bis an mein Ziel bringen sollte. Blutsverdacht hat meine Erwartungen erfüllt und der Sitzplatz im Zug sorgte dafür, den Gänsehauteffekt zu verstärken.
Das Luftzug durch das Öffnen und Schließen der Türen ließ mich stellenweise frösteln, passend zum Inhalt des Thrillers. Mein Umfeld löste sich auf, ich war nicht mehr im Zug im Jahr 2012, sondern vorwiegend bei Ruth im Jahr 2009. Allerdings wirkt das Cover gefährlicher als der Inhalt selbst, denn der Thriller ist nicht brutal, übermäßig grausam oder voller Blutbäder. Er ist ein absolut spannender Einstiegsthriller, so möchte ich ihn betiteln. Von Seite zu Seite beginnt der Knäuel der Verstrickungen größer zu werden.
Eine falsche Annahme, ein falsches Wort, eine falsche Interpretation zieht neue Ereignisse mit sich und lässt die Gefahr wachsen. Klare Bilder verschwimmen, die Vergangenheit macht sich in der Gegenwart Platz und die Wahrheit ruft hinter Nebelwortwolken.
Die Autorin Maurie-Aude Murail lässt den Leser wirklich bis zum Schluss rätseln und eine rasante Zeit erleben. Das Geheimnis um die verstorbenen Zwillinge ist mehr als aufregend, dennoch wird es durch ein stilistisches Mittel stellenweise auf der Zielgerade etwas ausgebremst. Die Namen Eve-Marie und Marie-Eve haben es mir nicht wirklich leicht gemacht, vielleicht aber sollten sie es auch nicht.
Wer war Tante, wer die Mutter? Ohne die zwei Frauen vor mir zu sehen, verwechselte ich sie immer wieder. Mir ging es immer mehr wie Ruth, denn selbst ihre eigene Mutter konnte sie nicht immer von ihrer Tante unterscheiden.
Murail schafft es ohne Aufgebot an überschlagenden Ereignissen einen Thriller zu schreiben, der gerade durch seine einfachen Mittel besticht und überzeugt. Ein Rezept welches einige Thrillerautoren gern kennen würden, um mit wenig Aufwand, viel zu erreichen.
Blutsverdacht – wem kannst du vertrauen?
















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